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Mutterschaft gestern

Vom Mittelalter bis zum Beginn der Industrialisierung waren die meisten Menschen Bauern, die weitgehend von den selbst erzeugten Produkten existierten. So war die Arbeit auf dem Hof (über-) lebensnotwendig und vorrangig gegenüber anderen Tätigkeiten - wie z.B. der Kindererziehung.

Schwangerschaften waren aufgrund wenig verlässlicher Verhütungsmaßnahmen zumeist unvermeidbar. Viele Kinder starben als Säugling oder als Kleinkind, da es an Hygiene mangelte, ihre Ernährung unzureichend war und viele Krankheiten tödlich verliefen, da es für sie noch keine Medikamente gab. Zumeist wurden sie bis zu ihrem 6. oder 7. Lebensjahr weitgehend sich selbst überlassen, da ihre Mütter mit der Arbeit auf dem Hof, im Garten und im Haushalt voll ausgelastet waren und somit kaum Zeit für die Belange der Kinder hatten. Ältere Kinder mussten - lange bevor sie das Jugendalter erreichten - auf dem Hof mithelfen. Sie wurden in erster Linie als Handlanger bzw. Arbeitskräfte gesehen - erbrachten sie nicht genügend "ökonomischen Nutzen" oder gehorchten sie nicht, wurden sie gezüchtigt. Ihre Ausbildung und Erziehung wurden vom Vater oder von anderen Erwachsenen (Verwandten, Dienstherren, Meistern und Gesellen) übernommen, die eine unanfechtbare Autorität beanspruchten. Die Mutter spielte keine größere Rolle, außer wenn ihre Töchter in ihrem Zuständigkeitsbereich mitarbeiten mussten. So blieb bis zu Beginn des 20. Jahrhunderts Mutterschaft in Bauernfamilien zweitrangig.

Ähnliches galt für den Adel und großbürgerliche Familien: Hier übernahmen Ammen, später Gouvernanten und Hauslehrer viele Aufgaben, die heute der Mutterrolle zugeordnet werden. Eine andere Situation - aber mit demselben Resultat - bestand in der neu entstehenden Arbeiterklasse: Aufgrund des geringen Einkommens der Väter mussten Mütter ihren Teil zum Lebensunterhalt der Familie beitragen. Bei Arbeitszeiten von 12 und mehr Stunden am Tag blieb aber kaum Zeit für die Erziehung. Die Kinder wurden von wenig älteren Geschwistern oder von anderen Personen betreut; oft wurden sie vernachlässigt. Häufig mussten sie bereits mit sieben oder acht Jahren in Bergwerken und Fabriken arbeiten.

Ab dem Ende des 17. Jahrhunderts verbreiteten sich langsam neue kindbezogene Vorstellungen - z.B. von der "Unschuld" des Kindes, von seinem "Wert" als Individuum und von der Notwendigkeit, es zu behüten und richtig zu erziehen, damit es ein "guter Mensch" bleibt. Diese Aufgabe wurde immer mehr der Mutter zugesprochen; der Mutterschaft wurde somit eine größere Bedeutung beigemessen. Auch wurde die Kindheit als abgegrenzte Phase im Lebenszyklus des Menschen entdeckt und dann entsprechend gestaltet: mit eigener Kleidung und dem Spiel als Hauptbeschäftigung. Die spätere Kindheit wurde zunehmend als "Bildungszeit" definiert: Kinder von Adligen oder reichen Bürgern erhielten Hauslehrer; für die anderen Kindern wurden immer mehr Schulen gebaut. Diese wurden zunächst nur von reicheren Familien genutzt.

Mit der Kindheit wurde auch die Mutterschaft neu definiert - als innerste Wesenserfüllung der Frau und damit als Essenz ihrer Person und Identität. So "wurde die Sorge für das leibliche und seelische Wohl der Kinder zur ersten, vordringlichsten und oft auch einzigen Aufgabe der Frau im Besitz- und Bildungsbürgertum des 19. Jahrhunderts - wenn die materiellen Umstände es erlaubten. Der Vater verlor seine wichtige Rolle als Bezugsperson, die er noch im 18. Jahrhundert für die Kinder hatte" (Herwartz-Emden 1995, S. 55). Er wurde zunehmend an den Rand der Familie gedrängt, da die (emotionale) Beziehung zwischen Mutter und Kindern immer enger wurde und ihre Aktivitäten das Familienleben prägten.

Das Konzept der "Mutterliebe" fand eine weite Verbreitung; Mütterlichkeit wurde zu einer der Frau eigenen, besonderen Fähigkeit; die psychologische Beeinflussung der Kinder ersetzte mehr und mehr die körperliche Züchtigung. Auch kam es zu einem "Kult der Häuslichkeit" - die Wohnung wurde zum "trauten Heim". Parallel dazu wurden die Frauen immer mehr aus der sich ausdifferenzierenden Arbeitswelt und aus dem öffentlichen Leben "verbannt". Die zunehmende Trennung zwischen "privaten" (Familie) und "öffentlichen" Lebensbereichen (Arbeitsplatz), verbunden mit der Arbeitsteilung zwischen Mann (Beruf) und Frau (Haushalt), führte im Vergleich zu den vorausgegangenen Jahrhunderten zu einer stärkeren Ausprägung unterschiedlicher Geschlechtscharaktere.

Inzwischen wird von einigen Wissenschaftler/innen hinterfragt, inwieweit sich Mütter in wohlhabenden Familien wirklich auf die Erziehung ihrer Kinder und auf die Haushaltsführung konzentriert haben. Zum einen wurden Kindermädchen, Erzieher und Gouvernanten beschäftigt, die pädagogische Aufgaben erfüllten. Zum anderen gab es Hauspersonal, das die anfallende Hausarbeit übernahm.

Hier wird schon angedeutet, dass nur ein kleiner Teil der Mütter (und Kinder) in solch privilegierten Verhältnissen lebten: Die weitaus meisten Mütter waren weiterhin erwerbstätig - im Gegensatz zu den vorausgegangenen Jahrhunderten nun aber zunehmend außerhäuslich. Auch mussten viele ältere Kinder arbeiten - in Bergwerken und Fabriken, auf dem (elterlichen) Hof oder in Heimarbeit. Außerdem gab es immer mehr Alleinerziehende, die nicht in Verwandtschaftssystemen eingebettet waren (da diese z.B. aufgrund von Landflucht zerfallen waren) und deshalb ihren Lebensunterhalt selbst verdienen mussten. Hier war die Gefahr einer Vernachlässigung und unzureichenden Erziehung der Kinder besonders groß - wie auch in vielen Arbeiter- und Bauernfamilien.

Diese "Fehlentwicklungen" führten bereits im 19. Jahrhundert zur Entstehung sozialer Berufe wie z.B. die der Fürsorgerin (Sozialarbeiter/in) und Kindergärtnerin (Erzieher/in), die entweder eine behördliche "Kontroll- und Interventions-" (Armenpflege, Jugendfürsorge) oder eine "Betreuungsfunktion" (Kinderbewahranstalt, Kindergarten, Heim) übernahmen. Parallel dazu wurde durch die Einführung der Schulpflicht die Kinderarbeit zurückgedrängt; diese wurde später ganz verboten. Da der Staat dem einzelnen Kind und dessen Wohl eine immer größere Bedeutung beimaß, wurde auch die Geburt zunehmend der Kontrolle unterworfen: Anstelle der Hausgeburt wurde die Entbindung in der Klinik - unter dem wachsamen Auge von Ärzten und Hebammen - forciert. Das "Werden der Mutter" vollzog sich nicht länger in der Intimität ihrer Wohnung und im Kreise ihrer Familie, sondern in dem grellen Licht des Kreißsaals.

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurde die Mutterschaft immer mehr "verwissenschaftlicht": "Mit der Einstufung der Kindererziehung in den Rang einer Wissenschaft jedoch begann der Status der Mutter als hoch geachtete, von Natur aus talentierte Betreuerin ihrer Kinder zu schwinden" (Hays 1998, S. 64). Stattdessen wurde ihr immer häufiger nahe gelegt, von Expert/innen empfohlene Erziehungsmethoden anzuwenden bzw. sich an den Theorien von Freud, Adler, Erikson oder Piaget zu orientieren. Zugleich entstanden Institutionen, die sich auf die Beratung von Eltern bei Erziehungsschwierigkeiten spezialisierten.

Im 20. Jahrhundert breitete sich das bürgerliche Familienmodell weiter aus und wurde auch in Arbeiterfamilien zunehmend praktiziert - sofern das Einkommen des Vaters so hoch war, dass die Mutter nicht arbeiten musste. Zugleich wurde die Erziehung emotional offener, permissiver - bis hin zu antiautoritär (insbesondere in den 1960er Jahren) - und kindzentrierter: Kinder wurden als einzigartige Persönlichkeiten gesehen, deren Bedürfnisse zu erfüllen und deren Wünsche zu berücksichtigen sind. So wurde (externen) Normen immer weniger Bedeutung beigemessen, wurden die Kinder zunehmend partnerschaftlich behandelt und ihnen immer mehr Mitbestimmungsrechte eingeräumt. Dementsprechend änderten sich auch Rolle und Verhalten der Mütter.

Im Zusammenhang mit der Emanzipationsbewegung wurde ab den 1970er Jahren der mütterlichen Erwerbstätigkeit eine große Bedeutung beigemessen: Zum einen wurde der Beruf als wichtigster Weg zur Selbstverwirklichung der Frau gesehen (und somit nicht mehr die Mutterschaft!). Zum anderen wurde betont, dass sich nur eine Frau mit einem eigenen Erwerbseinkommen von der Abhängigkeit von ihrem Ehemann lösen und gleichberechtigt werden kann. Seitdem steigt der Prozentsatz erwerbstätiger Mütter in der westlichen Welt an, nehmen Frauen nach der Geburt eines Kindes immer früher wieder ihre Erwerbstätigkeit auf und wird die durchschnittliche Wochenarbeitszeit immer länger. Damit wachsen auch die aus der Vereinbarkeit von Familie und Beruf resultierenden Probleme. Zugleich schwindet die Bedeutung der Mutterschaft. Hierzu trägt bei, dass sich Familien auf ca. zwei Kinder beschränken und die Elternschaft aufgrund der steigenden Lebenserwartung zu einer immer kürzer werdenden Phase im Lebenszyklus wird.

Die Gleichstellung der Geschlechter und die Berufstätigkeit von Frauen wurden vor allem von der DDR (und anderen sozialistischen Ländern) forciert. Hier wurden sehr schnell bedarfsgerechte Kinderbetreuungsangebote geschaffen, sodass sich Mutterschaft und Beruf gut miteinander vereinbaren ließen. Dementsprechend waren fast alle Mütter vollerwerbstätig, war der Beruf neben der Mutterschaft ein zentraler Bestandteil ihrer Identität. Diese Situation änderte sich nach der Auflösung der sozialistischen Staats- und Wirtschaftsordnung: "Die Rechtsangleichung nach der Vereinigung bedeutete einen großen Verlust an DDR-Frauenrechten. Soziale Sicherheit und finanzielle Unabhängigkeit adé, so hat sich die Wende für viele ausgewirkt. Gerade jener hohe Grad an Sicherheit hat die Frauen von der Entscheidung 'Kinder oder Beruf', wie sie für Westfrauen typisch ist, entbunden" (Meise 1995, S. 35). Dementsprechend sanken die Geburtenraten. Heute bleibt in der Bundesrepublik Deutschland rund ein Drittel der Frauen kinderlos - die Mutterschaft spielt für sie keine Rolle.

Mutterschaft in anderen Kulturen

Ethnologische Untersuchungen der letzten 100 bis 150 Jahren haben gezeigt, dass in den verschiedenen Kulturen Afrikas, Asiens, Amerikas und Australiens Mutterschaft ganz unterschiedlich definiert und gelebt wurde bzw. wird. Sie spielt eine mehr oder minder große Rolle im Leben einer Frau, beansprucht mehr oder weniger Zeit und wird mehr oder minder stark durch Normen geregelt.

Auch haben Mütter ganz unterschiedliche Vorstellungen hinsichtlich der Erziehung ihrer Kinder - sie überlassen dies beispielsweise weitgehend "der Natur" bzw. der eigenen Intuition oder sie steuern die kindliche Entwicklung entsprechend bestimmter gesellschaftlicher Ziele; sie verhalten sich eher autoritär oder eher laissez-faire, verwöhnen das Kind oder weisen ihm die niedrigste Position in der Familie zu, zeigen ihm gegenüber viel oder wenig Gefühl, lassen ihm viel Freiraum oder halten es abhängig, fördern eher die Individualität oder eher die Einordnung in die Gemeinschaft, haben eher hohe oder eher niedrige Leistungserwartungen, verlangen relativ frühzeitig Selbstkontrolle oder schränken den Gefühlsausdruck nur wenig ein, vertreten eher rigide oder eher flexible Geschlechtsrollenleitbilder. Ferner messen Mütter ihrem erzieherischen Einfluss mehr oder weniger Bedeutung im Vergleich zu den Fähigkeiten des Kindes (Erbgut) oder zu seiner Anstrengungsbereitschaft bei, stehen sie hinsichtlich ihrer "Erziehungsleistung" mehr oder weniger im Wettbewerb mit anderen Frauen.

Die Mutterschaft gibt es nicht

Somit kann man Mutterschaft als eine "sozial konstruierte" Kategorie bezeichnen. In den nichtwestlichen Kulturen - und in den europäischen Staaten vor dem 19. Jahrhundert (s.o.) - war die Ausübung der Mutterrolle aber immer nur eine Aufgabe neben vielen: "Nirgendwo war bislang eine Frau, oft noch zusätzlich aus ihrem bisherigen sozialen Leben herausgelöst, allein für das Wohlergehen der Kinder zuständig. Überall waren Mütter und Väter zwar die Hauptbezugspersonen des Kindes, doch standen ältere Kinder, Großeltern, Onkel und Tanten ergänzend als Kreis weiterer dem Kind vertrauter Bezugspersonen zur Verfügung. Und - ganz wichtig - nirgendwo verlor eine Frau durch Mutterschaft ihren sozialen Platz in der Gesellschaft. Sie nahm weiterhin unverändert am sozialen Leben teil" (Haug-Schnabel 1992, S. 61) und musste zum Lebensunterhalt ihrer Familie beitragen.

So zeigen sowohl historische als auch ethnologische Untersuchungen, dass das im 19. Jahrhundert entstandene und in der Bundesrepublik Deutschland noch immer weit verbreitete Leitbild der nicht erwerbstätigen Mutter, für die Mutterschaft, Kindererziehung und Haushaltsführung die zentralen Lebensinhalte sind, ganz "exotisch" ist - die weitaus meisten Menschen, die in Westeuropa vor 150 Jahren gelebt haben oder die in anderen Kulturen lebten bzw. leben, würden diese Vorstellungen ablehnen.

Literatur

Haug-Schnabel, G.: "Ich bin doch nur die Mutter!" Psychologie heute 1992, 19 (11), S. 58-62

Hays, S.: Die Identität der Mütter. Zwischen Selbstlosigkeit und Eigennutz. Stuttgart: Klett-Cotta 1998

Herwartz-Emden, L.: Geschlechterverhältnisse und Mutterschaft in einfachen und modernen Gesellschaften. Neue Sammlung 1995, 35, S. 47-64

Meise, S.: Rabenmamas und Superfrauen. Mütter in Ost und West. Psychologie heute 1995, 22 (9), S. 32-37