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Schon in der Kleinkindheit beginnt die geschlechtsspezifische Sozialisation: Mädchen und jungen Frauen übernehmen eine Geschlechtsrolle, die bestimmte "feminine" Eigenschaften (einfühlsam, liebevoll, emotional usw.), Einstellungen (z.B. Interesse an personalen Beziehungen) und Verhaltenstendenzen (z.B. Sorge für andere, Bezogenheit, Kommunikationsfreudigkeit) umfasst. Die Identität als Frau wird zu einem zentralen Bestandteil des Selbstbildes.

Zu dem Geschlechtsrollenleitbild gehört auch, dass Frauen Mütter werden sollen und die Mutterrolle eine wichtige Rolle in ihrem Leben sei. So schreibt Herwartz-Emden (1995): "Mutterschaft ist Bestandteil des weiblichen Selbstkonzeptes, eine zentrale Dimension der weiblichen Geschlechtsrollenorientierung. Die Sozialisation zur Mutterschaft setzt für die Frau in ihrer Kindheit und Jugend ein; ihre Auswirkungen auf die weibliche Biographie und Lebensgestaltung reichen weit über die Phase der aktiven Mutterschaft hinaus" (S. 11).

Aus dieser Verschmelzung von Geschlechts- und Mutterrolle resultiert ein starker sozialer Druck auf Frauen, zu heiraten und Kinder zu bekommen. Insbesondere ältere, noch kinderlose Frauen spüren diesen Druck, vor allem durch die eigenen Eltern und gleichaltrige Frauen (Mütter), aber auch durch die internalisierten gesellschaftlichen Erwartungen und das Wissen, das sie nur noch kurze Zeit fertil sind.

Der Eintritt in eine Ehe oder nichteheliche Lebensgemeinschaft ist heute für Frauen kein einschneidendes Ereignis mehr: In der Regel handelt es sich nur noch um die Vereinigung von zwei Haushalten; die Paarbeziehung, das sexuelle Verhältnis, das Miteinander-Wohnen, die gemeinsame Teilhabe an Aktivitäten u.Ä. bestanden schon zuvor. Die Frau ist gleichberechtigt und bleibt relativ autonom. Sie übt weiterhin ihren Beruf aus; ihre Chancen zur Selbstverwirklichung werden kaum eingeschränkt. Da sich der Mann in dieser Lebensphase zumeist an der Hausarbeit beteiligt, erfährt sie kaum zusätzliche Belastungen. Die Eheschließung bzw. der Beginn einer nichtehelichen Lebensgemeinschaft führen somit zu relativ wenig Veränderungen im Erleben und Verhalten der Frau; auch die mit der Heirat verbundene Übernahme einer neuen gesellschaftlichen Position und Rolle wirkt sich nicht besonders stark auf ihre Identität aus.

Im Gegensatz dazu führt die erste Schwangerschaft bzw. die Geburt des ersten Kindes zu einer totalen Umstellung des Lebensstils einer Frau. Selbstbild, gefühlsmäßiges Erleben und Verhalten erfahren radikale Veränderungen. Damit wird die Mutterwerdung zu einem einschneidenden Lebensereignis in der weiblichen Biographie. So geben weiterhin viele Frauen nach der Geburt eines Kindes den Beruf (für längere Zeit) auf. Sie erleben einen starken Einschnitt, da sie mit dieser Entscheidung nicht nur ihren bisherigen Status, sondern auch ihre ganze Vergangenheit verlieren, wie eine Untersuchung von Weaver und Ussher (1997) zeigte: "All die Elemente ihres früheren Lebens, die zum Ausdruck des Selbst und der Weiblichkeit genutzt wurden, waren nun eingeschränkt oder fielen ganz weg. Dies wurde noch verschlimmert durch die Tatsache, dass jede Frau das Leben ihres Partners als im Wesentlichen unverändert wahrnahm" (S. 64). So sind viele junge Mütter, die ihren Beruf aufgegeben haben, mit ihrer neuen Lebenssituation unzufrieden.

Bleiben Mütter jedoch erwerbstätig, müssen sie sich zum einen den mit der mangelnden Vereinbarkeit von Familie und Beruf verbundenen Problemen stellen. Zum anderen müssen sie sich vor sich selbst und vor anderen immer wieder rechtfertigen, dass sie trotz Erwerbstätigkeit "gute Mütter" sind. So verweisen sie z.B. darauf, wie gut die Fremdbetreuung für ihre Kinder sei, dass durch das zusätzliche Einkommen den Kindern bessere Lebenschancen eröffnet werden oder dass ihr Glück auch die Kinder beglücken würde.

Der Übergang zur Elternschaft wird somit sowohl für berufstätige als auch für nicht erwerbstätige Mütter und für ihre Partner zu einer tiefen Zäsur: "Da treffen besonders egalitäre Rollenerwartungen junger Paare auf extrem traditionelle gesellschaftliche Wertvorstellungen und Rahmenbedingungen und können deshalb nicht realisiert werden. Eine bis zur Familiengründung besonders ausgeprägte Berufs- und Karriereorientierung, die Flexibilität, Mobilität und einen gewissen Egoismus notwendig macht, steht in Konflikt mit Elternschaft, die ein hohes Maß an Gebundenheit mit sich bringt und Selbstlosigkeit ebenso wie Kompromissbereitschaft erfordert" (Quaiser-Pohl 1992, S. 31). Unabhängig davon, ob die Frau ihren Beruf aufgibt oder nicht, kommt es in der Regel nach der Geburt des ersten Kindes zu einer traditionelleren Arbeitsteilung zwischen Mann und Frau und zu einer starken Abnahme der Ehequalität.

Mutterschaft kritisch reflektieren

Die bewusste Entscheidung für die Zeugung eines Kindes, die Schwangerschaft oder spätestens die "junge" Mutterschaft sollten also zu einer intensiven Auseinandersetzung mit den in unserer Gesellschaft vorherrschenden Mutterbildern führen - auch mit dem der "bösen" bzw. der "Rabenmutter". Zugleich sollten Frauen ihre eigene Kindheit reflektieren, da die selbst erfahrene "Bemutterung" und Erziehung im positiven wie im negativen Sinne die eigene Mutterschaft und das eigene Erziehungsverhalten prägen können.

Frauen, die sich solchen Fragen stellen - möglichst in einer Gruppe mit anderen Paaren bzw. Frauen -, werden sich eher von Mutterbildern, Rollenmodellen und gesellschaftlichen Erwartungen distanzieren können. Auch sollten sie sich bewusst machen, dass sie nie die von allen Menschen in ihrem Netzwerk als "richtig" empfundene Entscheidung treffen werden: "Bleibt eine Frau aus eigenem Willen kinderlos, sagt man ihr nach, sie sei kalt, herzlos und als Frau unerfüllt. Ist sie eine Mutter, die zu sehr an ihrem Job oder ihrer Karriere interessiert ist, wird sie bezichtigt, ihre Kinder zu vernachlässigen. Engagiert sie sich aber nicht genug für ihre Arbeit, dann wird man sie mit Gewissheit auf die 'Muttischiene' abschieben, und die Weiterentwicklung ihrer Karriere wird permanent durch die Behauptung gebremst, ihr Engagement für die Kinder behindere ihre Effizienz am Arbeitsplatz (...). Bleibt sie aber bei ihren Kindern zu Hause, werden einige sagen, sie sei unproduktiv und nutzlos. Mit anderen Worten: Eine Frau kann es nie richtig machen!" (Hays 1998, S. 176).

Frauen müssen sich also von der Vorstellung lösen, es allen recht machen zu können, und ihren eigenen Weg gehen: Die einen werden sich dann bewusst dafür entscheiden, Mutter und Hausfrau zu sein; den anderen werden anstreben, die Rollen der Mutter, der Ehefrau und der (voll-) erwerbstätigen Frau miteinander zu vereinbaren. Entscheidend ist immer, dass eine Mutter mit ihrer Lebenssituation zufrieden ist und qualitativ gute Zeit mit ihrem Kind verbringt, denn kaum etwas wirkt sich so negativ auf die kindliche Entwicklung aus wie eine unglückliche, deprimierte und überforderte Mutter (die in einer konfliktreichen bzw. unbefriedigenden Paarbeziehung lebt) - sei sie Hausfrau oder erwerbstätig.

Literatur

Hays, S.: Die Identität der Mütter. Zwischen Selbstlosigkeit und Eigennutz. Stuttgart: Klett-Cotta 1998

Herwartz-Emden, L.: Mutterschaft und weibliches Selbstkonzept. Eine interkulturell vergleichende Untersuchung. Weinheim: Juventa 1995

Quaiser-Pohl, C.: Kinderwunsch zu hoch gehängt? Wenn Kinder nur Belastung sind. Die Frau in unserer Zeit 1999, 28 (3), S. 26-31

Weaver, J.J./ Ussher, J.M.: How motherhood changes life - a discourse analytic study with mothers of young children. Journal of Reproductive and Infant Psychology 1997, 15, S. 51-68