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Zur Identität als Mutter

Die Mutteridentität wird in der Zeit der Schwangerschaft mit dem ersten Kind und in den ersten Monaten nach seiner Geburt entwickelt. Sie ist nicht konstant, sondern wandelt sich mit dem Älter- und Erwachsenwerden des Kindes, mit der Geburt weiterer Kinder oder aufgrund sozialer und soziokultureller Einflüsse. Auch ändert sich immer wieder ihre Relation zu anderen Identitäten (z.B. als Frau, als Ehegattin, als Berufstätige, als Hausfrau).

McMahon (1995) betont, dass die Mutterwerdung zu dem wohl einschneidendsten Identitätswandel im Leben einer Frau führt und die Mutteridentität einen zentralen Platz in ihrer Psyche einnimmt. Von besonderer Bedeutung sei, dass die Mutterwerdung im Erleben eine "moralische Transformation" bewirkt: Die Frauen fühlen sich verantwortlich für ein anderes Leben, an das sie unlösbar gebunden sind. Sie empfinden eine intensive Liebe zu dem Kind und die starke Verpflichtung, sein physisches und psychisches Wohlergehen sicherzustellen. Ihr Leben hat einen neuen Sinn bekommen; sie fühlen sich als "Hüter der Unschuldigen" "moralisch erhöht".

Nach Wiegand (1998) hat die Mutteridentität eine affektive Dimension (z.B. Liebe, Zuneigung, Ängste, Zweifel) und eine kognitive (z.B. Wissen, internalisierte Erwartungen, Leitbild). Die Ansprüche an sich selbst entsprechen weitgehend dem Stereotyp: Die Frauen wollen "gute Mütter" sein, ihren Kindern viel Liebe und Zuneigung geben, sie beschützen und "richtig" erziehen. So resultiert aus der Mutteridentität eine Leistungsmotivation. Erzielen die Frauen Erziehungserfolge, so erleben sie dies als Aufwertung ihrer selbst; Misserfolge führen hingegen zu negativen Selbstwertgefühlen.

Das Selbstbild als Mutter wird jedoch auch durch Einflüsse von außen geprägt: So erleben viele Frauen nach der Geburt des ersten Kindes, dass sie als Hausfrau und Mutter in unserer Gesellschaft einen viel niedrigeren Status als erwartet (und als zuvor) haben. Zugleich werden sie mit so hohen Erwartungen ("Mutterideal") konfrontiert, dass sie oft ein schlechtes Gewissen und Schuldgefühle haben, weil sie ihnen in der Realität nicht entsprechen. Ist hingegen die Mutter (Teilzeit) erwerbstätig, muss sie sich mit den aus der mangelnden Vereinbarkeit von Familie und Beruf resultierenden Problemen (Stress, Erschöpfung, Schuldgefühle usw.) auseinandersetzen.

Haug-Schnabel (1992) ergänzt: "In der Realität werden zwar die Mütter mit den berechtigten Ansprüchen des Kindes konfrontiert, ihre eigenen - ebenfalls berechtigten - Bedürfnisse aber werden nicht berücksichtigt. Mütter sind in unserer Gesellschaft - gleichgültig, ob unverheiratet oder verheiratet - zumeist allein erziehend. Allein erziehend - das heißt: Im Alltag und im Notfall immer zur Stelle zu sein, für alles verantwortlich zu zeichnen, gleichzeitig aber - wenn überhaupt - nur Mitspracherecht zu haben. Mütter sind gezwungen, anstehende Entscheidungen zu treffen und allein zu handeln, müssen dieses Tun aber nicht nur vor sich selbst und dem Kind rechtfertigen. Nur ihr schlechtes Gewissen und ihre Schuldgefühle dürfen Mütter mit Sicherheit ungeteilt und ungeschmälert für sich behalten" (S. 58). So ist es nicht verwunderlich, dass Kinder zunehmend als Belastung erlebt werden.

Erschwerend kommt hinzu, dass die Mutter in unserer pluralistischen, postmodernen Gesellschaft mit widersprüchlichen Vorstellungen und Erwartungen hinsichtlich der Erziehung ihrer Kinder konfrontiert wird - sie kann es nicht allen Recht machen. Zugleich hat sie aber auch die Freiheit, ihr eigenes Leitbild zu "konstruieren" und in ihrem Handeln zu befolgen. Die aus dieser Situation resultierende Verunsicherung einiger Mütter zeigt sich laut Parker (1996) in folgendem Verhalten: "Manchmal nutzen Mütter andere Mütter als Spiegel. Jede Mutter mustert die andere auf der Suche nach einer Reflexion ihres eigenen Erziehungsverhaltens. Sie halten Ausschau nach Abweichungen von ihrem eigenen Stil des Bemutterns und sie schauen nach Ähnlichkeiten. Aber vor allem anderen suchen sie nach der Bestätigung, dass sie es richtig machen - in Angesicht von Befürchtungen, dass sie hoffnungslos falsch liegen" (S. 1).

Negative und positive Gefühle gegenüber dem Kind

So kennzeichnen ambivalente Gefühle das intrapsychische Verhältnis von Frauen- und Mutterrolle, den Kinderwunsch, die Entscheidung zwischen den Alternativen "Hausfrau" und "erwerbstätige Mutter" sowie das Erleben von Mutterschaft. Diese Ambivalenz schlägt sich auch in der Beziehung zum Kind nieder - obwohl für die Öffentlichkeit als auch für die Mütter selbst nur schwer zu akzeptieren ist, dass Frauen sowohl Liebe als auch Hass ihren Kindern gegenüber empfinden. Parker (1996) schreibt: "Doch blicken Mütter auf andere Mütter, um 'Absolution' für mütterliche Gefühle zu finden, die nach den dominanten kulturellen Vorstellungen von Mutterschaft inakzeptabel sind und die für die Mütter selbst sowohl schmerzhaft als auch unverzeihlich sind. Ich beziehe mich auf die flüchtigen (oder nicht so flüchtigen) Gefühle des Hasses für ihr Kind, die eine Mutter ergreifen können, den Moment des Zurückschreckens vor einem viel geliebten Körper, den Drang zu verlassen, das unberührte Essen in das Gesicht eines Kleinkindes zu schleudern, am Arm eines Kindes beim Überqueren der Straße zu zerren, sein Gesicht mit dem Waschlappen hart zu schrubben, das Türschloss wegen eines Jugendlichen zu wechseln, oder die Fantasie, ein schreiendes Baby aus dem Fenster zu werfen" (S. 4). Diese aggressiven Gefühle gegenüber dem Kind können das Gewissen so belasten, dass sie verdrängt werden und nur in Träumen und Fantasien auftreten. Sie bleiben aber Teil der die Mutterschaft kennzeichnenden Ambivalenz.

Diesen negativen Emotionen stehen positive gegenüber: Wie bereits erwähnt, bedeuten Kinder für viele Mütter den Mittelpunkt und Sinn ihres Lebens. Sie fühlen sich gebraucht, geliebt und als Person aufgewertet. Auch empfinden sie eine überwältigende Liebe für ihre Kinder. McMahon (1995) schreibt: "Der größte Lohn für das Mutter-Sein kommt von der besonderen Bindung, die diese Frauen zu ihren Kindern haben, und aus der Freude zu beobachten, wie die Kinder lernen und sich entwickeln" (S. 268).

Literatur

Haug-Schnabel, G.: "Ich bin doch nur die Mutter!" Psychologie heute 1992, 19 (11), S. 58-62

McMahon, M.: Engendering motherhood: Identity and self-transformation in women‘s lives. New York: Guilford 1995

Parker, R.: Mother love / mother hate. The power of maternal ambivalence. New York: Basic Books 1996

Wiegand, G.: Selbstveränderung von Müttern aus subjektiver Sicht. Ein Beitrag zur psychoanalytischen Frauenforschung. Gießen: Psychosozial-Verlag 1998