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Über mehr als 1500 Jahre hinweg galt sie als die ideale Mutter. Sie war gottesfürchtig, rein und voller Nächstenliebe, gehorchte ihrem Mann und folgte ihm überall hin, umsorgte ihren Sohn zärtlich und liebevoll. Weder von Konflikten mit ihrem Gemahl noch mit ihrem Sohn - geschweige denn von irgendwelchen Sünden - wird berichtet. Kein Wunder, dass die Kirche Maria als das wichtigste Vorbild und Rollenmodell für Frauen bzw. Mütter auswählte! Aber wie Maria zu leben, ist wohl ein unerreichbares Ziel. Und damit sind wir bei einem Charakteristikum vieler Mutterbilder: der Verklärung von Mutterschaft.

Das bürgerliche Mutterideal

Im 19. Jahrhundert entstand das bürgerliche Mutterbild und verdrängte langsam das christliche. Nun wurde Mutterschaft als Lebenserfüllung und als "Essenz" der Weiblichkeit gesehen. Aus ihr würden Frauen eine tiefe Befriedigung gewinnen: Mutterschaft sei eine ganz und gar positive Erfahrung.

Mütter sollten verheiratet sein und ihren Beruf zugunsten ihrer Kinder aufgegeben haben, also Hausfrauen sein. Sie sind nahezu ausschließlich für die Erziehung, Versorgung und Betreuung der Kinder zuständig, da sie hierfür am besten geeignet seien: Sie wären von Natur aus liebevoll, selbstlos, fürsorglich, treusorgend, empathisch, zärtlich, emotional, aufopferungsbereit, familienorientiert usw. So wäre es ganz "normal" und selbstverständlich, wenn sie sich intensiv um ihre Kinder kümmern. Zudem würden Säuglinge und Kleinkinder für eine gesunde Entwicklung die totale Präsenz ihrer Mütter benötigen: Sie könnten sich nur positiv entwickeln, wenn die Mütter ihren Bedürfnissen die höchste Priorität einräumen, sich ihnen anpassen und sich emotional stark für sie engagieren. Vor allem müssten Mütter ihre Entwicklung in allen Bereichen konsequent, kontinuierlich und intensiv fördern.

Das bürgerliche Mutterbild setzte sich in den 1950er und 1960er Jahren in Deutschland durch - nun konnten die meisten Frauen nach der Geburt eines Kindes zu Hause bleiben und den Haushalt und die Erziehung übernehmen (wenn auch ohne Unterstützung durch Haus- und Kindermädchen wie im Bürgertum des 19. Jahrhunderts).

Der Gegenentwurf: die Anti-Mutter

Aber schon in den 1970er Jahren kam mit dem Feminismus ein neues Frauenideal: Die radikale Frauenbewegung vertrat die Meinung, dass nur eine Frau mit eigenem Erwerbseinkommen vom Mann unabhängig und gleichberechtigt sein kann. Anstatt sich der uneigennützigen Fürsorge für ein Kind zu widmen, soll die moderne Frau der in den weitaus meisten Lebensbereichen vorherrschenden Logik eigennützigen Profitstrebens folgen: Das heißt, die emanzipierte Frau trachtet nach einer guten Schul- und Berufsbildung, ist voll erwerbstätig und karriereorientiert, strebt nach Selbstverwirklichung im Beruf und entspricht somit dem Paradigma des homo oeconomicus. Ein (Ehe-) Mann wird nur akzeptiert, wenn er für eine partnerschaftliche Beziehung und eine gerechte Aufteilung der Hausarbeit ist; auf Kinder wird verzichtet, wenn sie dem eigenen Streben nach beruflichem Erfolg, Macht und Prestige entgegenstehen. Dieses Rollenleitbild führte dazu, dass viele Frauen kinderlos (und unverheiratet) blieben und sich voll auf den Beruf konzentrierten.

Dieses Idealbild der erwerbstätigen, erfolgreichen, finanziell unabhängigen Frau wird heute vor allem durch Frauenmagazine weiter verbreitet. In ihnen findet man überwiegend Reportagen und Fotos von gut gekleideten, perfekt gestylten Frauen, die sexuell attraktiv und glücklich wirken. Wie auch in den meisten Kino- und Fernsehfilmen spielt Mutterschaft keine Rolle; Kinder tauchen kaum auf den Fotos und in den Filmen auf.

Die Supermutter

Weniger radikale Vertreterinnen der Frauenbewegung akzeptierten die Mutterschaft - sofern die Mutter erwerbstätig, also unabhängig, blieb. Frauen könnten attraktive Sexualpartnerinnen, erfolgreiche Berufstätige, perfekte Hausfrauen und gute Mütter sein. Diese "Supermutter" wurde von der Frauenforscherin Sharon Hays (1998) etwas überspitzt charakterisiert: "Mühelos schafft sie den Spagat zwischen Heim und Arbeit. Diese Mutter kann mit der einen Hand einen Kinderwagen schieben und mit der anderen die Aktentasche tragen. Sie ist immer gut frisiert, ihre Strumpfhosen haben nie Laufmaschen, ihr Kostüm ist stets frei von Knitterfalten, und ihr Heim ist natürlich blitzsauber. Ihre Kinder sind makellos: Sie haben gute Manieren, sind aber nicht passiv, sondern putzmunter und strotzen vor Selbstbewusstsein" (S. 174f.).

Als "Beziehungsexpertin" sichert die Supermutter eine befriedigende Partnerschaft mit ihrem Mann und entwicklungsfördernde Eltern-Kind-Beziehungen, ohne dass die eigene Selbstverwirklichung und die Karriere zu kurz kommen. Und trotz ihrer Vollerwerbstätigkeit erbringt sie einen enormen Aufwand an Zeit und Energie für die Betreuung und Erziehung ihrer Kinder.

Das Drei-Phasen-Modell

Dieses Leitbild ist ein Kompromiss zwischen dem bürgerlichen Mutterideal und der rasch zunehmenden Frauenerwerbstätigkeit: Junge Frauen sollten nach einer guten Schul- und Berufsausbildung trachten und ihren Beruf so lange ausüben, bis das erste Kind geboren ist (1. Phase). Dann sollten sie sich ausschließlich um Kindererziehung und Haushalt kümmern (2. Phase). Wenn die Kinder sie nicht mehr in hohem Maße gebrauchen würden - etwa mit Beginn der Schulpflicht -, könnten die Mütter wieder erwerbstätig werden (3. Phase).

In der heutigen Zeit, in der Frauen immer höhere Bildungs- und Berufsabschlüsse erwerben und Qualifikationen immer schneller veralten, kann aber nach dem "alten" Drei-Phasen-Modell nicht mehr gelebt werden: Der Wiedereintritt in die Arbeitswelt nach einer sechs, acht oder noch mehr Jahre umfassenden Familienphase ist nur unter erschwerten Bedingungen möglich (z.B. schlechterer Job, kaum Karrieremöglichkeiten). Das "neue" Drei-Phasen-Modell sieht eine Wiederaufnahme der Erwerbstätigkeit (halbtags) mit Eintritt des Kindes in den Kindergarten vor. Mit dem Ausbau der Betreuungsangebote für unter Dreijährige rückt dieser Zeitpunkt tendenziell immer mehr nach vorne, wird also die 2. Phase immer kürzer. So wird vermieden, dass die beruflichen Qualifikationen aufgrund des raschen wirtschaftlichen und technologischen Wandels veralten. Zudem endet drei Jahre nach Geburt eines Kindes der mit der Elternzeit verbundene Kündigungsschutz.

Die "neuen" Mütter

Seit einigen Jahren ist zu beobachten, dass vor allem Frauen aus der Mittelschicht nach der Geburt eines Kindes bewusst auf die Berufsausübung verzichten, ohne jedoch das traditionelle Mutterbild zu übernehmen: "Wenn sich sogar erfolgreiche Berufsfrauen aus dem Erwerbsleben partiell wieder zurückziehen und zugleich in Familienbeziehungen leben, so muss das nicht gemäß der traditionellen Frauenrolle aus Rücksicht für Mann und Kinder geschehen, sondern kann auch erfolgen, um sich selbst einerseits den Belastungen der Konkurrenz, Vereinzelung und Austauschbarkeit im Beruf zu entziehen (...), und andererseits, um die vorrangig in primären Beziehungen mögliche Befriedigung emotionaler Bedürfnisse und Sicherung der eigenen Identität zu gewinnen" (Herlyn et al. 1993, S. 55).

Diese Mütter folgen in mehr oder minder bewusster Abgrenzung von Feminismus einem Leitbild, nach dem Individualisierung, Selbstverwirklichung und Personalisation in der Ausübung der Hausfrauen- und Mutterrolle realisierbar sind - und zwar eher als in der fremdbestimmten, rational geprägten und wettbewerbsorientierten Arbeitswelt. Nur in der Familie könnten Frauen sie selbst sein und ihre eigenen Vorstellungen vom Leben realisieren. Vor allem in der Mutter-Kind-Beziehung seien Liebe, Fürsorge, Selbstlosigkeit, Uneigennutz u.Ä. lebbar und erlebbar - nur in der Familie kann somit letztlich nach moralischen Prinzipien gelebt werden.

Mutterbilder in den Sozialwissenschaften

Neben den in unserer Gesellschaft vorherrschenden Rollenleitbildern gibt es auch in der Wissenschaft verschiedene "Mutterbilder". Diese unterscheiden sich je nach wissenschaftlicher Disziplin und theoretischer Ausrichtung, wie die folgenden Beispiele zeigen:

Das psychoanalytische Mutterbild

Frauen erreichen laut der Psychoanalyse mit der Mutterschaft eine neue und zugleich essenzielle Phase in ihrer psychosexuellen Entwicklung. Haben sie einen "normalen" Grad an Reife erreicht, entwickeln sie nahezu reibungslos eine Identität als Mutter und übernehmen dank instinkthafter Fähigkeiten fast problemlos die mit der Mutterschaft verbundenen pflegerischen und erzieherischen Aufgaben. So wird die frühe Mutter-Kind-Dyade zu einer symbiotischen Beziehung - verbunden mit einer Auflösung der mütterlichen Ich-Grenze gegenüber dem Säugling.

Das Mutterbild der Bindungstheorie

Hier wird die Mutter-Kind-Beziehung vor allem aus der Sicht des Kindes und unter Betonung seiner Bedürfnisse betrachtet - Perspektive, Wünsche und Probleme der Mutter spielen hingegen kaum eine Rolle. Die Mutter wird dafür verantwortlich gemacht, dass eine sichere Bindung des Säuglings bzw. Kindes zu ihr entsteht - die dazu benötigten Fähigkeiten wie Feinfühligkeit, Liebe und Empathie seien bei Frauen von Natur aus gegeben. Ist dies nicht der Fall, wird von Psychopathologie aufseiten der Mutter ausgegangen.

Das Mutterbild der Soziologie

In der (Familien-) Soziologie und Sozialpsychologie wird vor allem die Mutterrolle untersucht, d.h. zum einen die gesellschaftlichen Erwartungen an sie (Ideal) und zum anderen ihre Ausübung (Realität). Mutterschaft wird als eine soziale Konstruktion gesehen; die Geschlechts- und Mutterrolle werden in Sozialisationsprozessen erworben, in denen entsprechende Leitbilder, Werte und Normen internalisiert werden. Da sich Soziolog/innen und Sozialpsycholog/innen vor allem mit gesellschaftlichen Strukturen, Systemen und Prozessen befassen, wird auch untersucht, wie diese die Mutterschaft prägen und welche Unterschiede bei deren Ausgestaltung in verschiedenen Schichten, Familienformen und Lebenslagen auftreten.

Das Mutterbild in der Frauenforschung

Feministische Wissenschaftlerinnen verfolgten zunächst das Ziel, die Idealisierungen der Mutterrolle zu korrigieren. In den 1960er und 1970er Jahren stellten sie vor allem die negativen Aspekte von Mutterschaft heraus: die Abhängigkeit nicht erwerbstätiger Mütter von ihren Partnern und die damit verbundene Machtlosigkeit, die gesellschaftliche Benachteiligung, Unterdrückung und Abwertung von Familienfrauen, ihre soziale Isolation, ihr Ausschluss vom Arbeitsleben, die Kontrolle der Kindererziehung durch Institutionen und der Beitrag von Müttern zur Reproduktion der gesellschaftlichen Ungleichheit von Mann und Frau. Vor allem das bürgerliche Mutterideal wurde attackiert: Mutterschaft sei nicht die Essenz von Weiblichkeit; die Bedürfnisse und Interessen der Mütter dürften nicht denjenigen ihrer Kinder untergeordnet werden. Als Weg zur Selbstverwirklichung wurde vor allem die Erwerbstätigkeit gesehen.

Seit den 1980er und 1990er Jahren sehen Frauenforscherinnen die Mutterschaft wieder positiver: Diese wird nun als wichtiger Bereich im Leben einer Frau und als Teil ihrer Identität gesehen; sie kann sich auf ihre psychische Entwicklung positiv auswirken. Die Kindererziehung gilt aber nur zum Teil als ihre Verantwortung; wichtige Rollen sollten auch der Vater, Kindertageseinrichtungen, Tagesmütter und andere Personen spielen. Es wird betont, dass Mütter Familie und Beruf erfolgreich miteinander vereinbaren könnten. Frauen werden nun auch als stark genug gesehen, sich der "patriarchalischen Ideologie" zu widersetzen, soziale Veränderungen zu initiieren und eine "weibliche" Kultur zu schaffen.

Die Qual der Wahl

Eine Frau wird somit mit vielen Mutterbildern konfrontiert. Sie hat einerseits Wahlfreiheit, kann sich also für das eine oder das andere Ideal entscheiden, ohne mit irgendwelchen größeren gesellschaftlichen Sanktionen rechnen zu müssen. Andererseits kann diese Situation zu Desorientierung, Verunsicherung und Ambivalenz führen: Die Frau mag es als sehr schwierig erleben, eine eigene Mutteridentität zu entwickeln.

Wenn sich eine Mutter (unbewusst) für ein bestimmtes Leitbild entscheidet, muss sie allerdings mit Problemen rechnen - wie zuvor immer wieder angedeutet wurde: mit Problemen wie Isolation und einem niedrigen sozialen Status (als Hausfrau), wie Überforderung (als Erziehende) oder wie Mehrfachbelastung und Stress (als Erwerbstätige).

Darüber hinaus müssen sich Mütter mit einer Reihe von Paradoxen auseinander setzen, die hier nur beispielhaft angedeutet werden können:

  1. Auf der einen Seite erfährt Mutterschaft als soziale Rolle nur wenig gesellschaftliche Wertschätzung. Auf der anderen Seite hat sie aber für die Mutter selbst eine sehr große persönliche Bedeutung und moralischen Wert.
  2. Kindererziehung wird einerseits als etwas "Instinktives" und "Intuitives" bezeichnet; Mütter wüssten von Natur aus, wie sie sich Kindern gegenüber zu verhalten hätten. Andererseits wird behauptet, dass Mütter viele Fehler im Umgang mit ihren Kindern machen würden und sich deshalb an wissenschaftlich fundierten Erziehungsratgebern orientieren sollten.
  3. Müttern wird einerseits ein großer erzieherischer Einfluss zugesprochen; andererseits gelten Kinder als durch ihr Erbgut bzw. als durch die Gesellschaft (Kindergarten, Schule, Gleichaltrigengruppe, Medien usw.) geprägt.

Besonders problematisch ist aber, dass die in unserer Gesellschaft vorherrschenden Mutterbilder den Blick dafür verstellen, dass es neben den Müttern viele (potenziell) wichtige Bezugs- und Erziehungspersonen für Kinder gibt. Im familialen Bereich können dies neben Vätern auch Großeltern oder ältere Geschwister sein; im außerfamilialen Bereich sind dies Erzieher/innen, Lehrer/innen, Nachbar/innen u.v.a.m. Deren Einbeziehung in ein umfassendes Erziehungs- und Sozialisationskonzept würde Mütter von einer Überbewertung ihrer Rolle sowie von der damit verbundenen Überlastung und anderen negativen Folgen befreien...

Literatur

Hays, S.: Die Identität der Mütter. Zwischen Selbstlosigkeit und Eigennutz. Stuttgart: Klett-Cotta 1998

Herlyn, I./Vogel, U./Kistner, A./Langer, H./Mangels-Voegt, B./Wolde, A.: Begrenzte Freiheit - Familienfrauen nach ihrer aktiven Mutterschaft. Eine Untersuchung von Individualisierungschancen in biographischer Perspektive. Bielefeld: Kleine 1993